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Leaky Gut: Ab wann ist ein löchriger Darm löchrig?


Das Leaky-Gut Syndrom (engl. Leaky = löchrig, Gut = Darm) rückt mehr und mehr in das Licht der Öffentlichkeit. Mit dem Anstieg von Autoimmunkrankheiten sucht man vermehrt nach Gründen und beschränkt sich nicht nur auf die Linderung der Symptome. Und seit einigen Jahren ist bekannt, dass ein löchriger Darm eine zentrale Rolle bei der Entstehung von Autoimmunkrankheiten haben kann (Fasano, 2012).

Entscheidend für den Therapieerfolg ist die Kenntnis über die Entstehung einer Immunkrankheit, deren Ursache im Darm liegt. Das herkömmliche Modell für die Entstehung von Autoimmunkrankheiten ist wie folgt: Fremdantigene dringen in den Körper ein und reizen das Immunsystem zu einer Antwort (Bildung von Antikörpern). Das können z.B. Bakterien sein, die über eine Verletzung der Haut, auch der Mundschleimhaut, in den Blutkreislauf gelangen. Diese Eindringlinge können jedoch auf ihrer Oberfläche Strukturen tragen, die körpereigenen Strukturen ähnlich sehen („Molecular Mimicry“). Die Antikörper, die ursprünglich gegen die Eindringlinge gebildet wurden, sind nun leider auch in der Lage, sich an körpereigene Strukturen zu binden, die den Eindringlingen ähnlich sehen. Diese Bindung an körpereigene Strukturen kann Immunzellen herbeirufen, die dann die markierten Zellen zerstören, da sie nicht realisieren, dass es sich um eigenes Gewebe handelt. Beispiele für solche Erkrankungen sind z.B. Rheumatoide Arthritis (Edwards, 2008), wo Gelenkstrukturen zerstört werden, Diabetes Typ 1 (Mojibian et al., 2009) wo die Insulin-produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse zerstört werden, Multiple Sklerose (Westall, 2007), wo die Hüllzellen der Nervenbahnen aufgelöst werden, oder die Hashimoto Thyroiditis (Shaoul and Lerner, 2007), wo das Schilddrüsengewebe zerstört wird. Ein wichtiger weiterer Punkt dieser Theorie ist es, dass das Immunsystem nach der ursprünglichen Aktivierung durch Fremdantigene - und zwar dann, wenn diese Kreuzreaktion einmal aufgetreten ist - weiterhin durch körpereigenes Gewebe stimuliert wird, auch wenn die ursprünglichen Antigene wieder verschwinden. Damit werden diese Autoimmunkrankheiten als unheilbar eingestuft und die Behandlung dreht sich nur um die Linderung der Symptome (mittels Entzündungshemmern, Schmerzmitteln etc.).

Nach einer anderen Theorie wird das Immunsystem durch einen Defekt der Darmbarriere aktiviert. Die Darmoberfläche trennt das Körperinnere vom Äußeren. So, wie unsere Oberhaut eine starke Barriere für alle möglichen Eindringlinge darstellt, hält unsere Darmschleimhaut die Milliarden von Mikroben, die in unserem Darm leben, davon ab, unseren Körper zu überfluten. Auf der anderen Seite ist unser Darm jedoch dafür da, Nährstoffe, die wir gegessen haben und die zum Teil auch durch diese Bakterien aufbereitet werden, aufzunehmen und in unseren Körper hinein zu lassen. Die guten Dinge hinein zu lassen, aber die uns krankmachenden Dinge abzuhalten ist eine echte Kunst. Kleinste Partikel können direkt durch die Zellen der Darmwand hindurch gelangen: Wasser und Ionen zum Beispiel. Ab einer Größe von ca. 3,5 kDa geht das nicht mehr. Damit größere Partikel von unserem Darm durchgelassen werden, tun sich mikroskopisch kleine Öffnungen zwischen den einzelnen Zellen auf (engl. Tight Junctions für „Engstelle“, TJ abgekürzt). Dieser Vorgang wird recht kompliziert unter anderem mit einem Protein mit dem Namen Zonulin gesteuert. Damit ist jeder Darm, damit er funktionieren kann, löchrig. Durch diese Öffnungen können nun bei Fehlfunktionen der Steuerung (z. B. bei Entzündungen), Bakterien und andere Antigene in den Körper gelangen und das Immunsystem aktivieren. Da verschiedene Immunkrankheiten familiär gehäuft vorkommen, geht man davon aus, dass bestimmte Antikörper-produzierende Zellen schon existieren, die durch die Antigene dann aktiviert werden (bei genetischer Veranlagung). Das Antigen gibt nur den Reiz, woraufhin diese Zellen mit der Antikörperproduktion beginnen. Durch Kreuzreaktionen mit körpereigenen Strukturen können diese dann angegriffen und zerstört werden. Jedoch gehen die Anhänger dieser Theorie davon aus, dass, wenn der Darm wieder das Eindringen von Fremdantigenen verhindern kann, die Stimulation des Immunsystems erlischt und die Autoimmunkrankheit gestoppt wird und bestenfalls sogar verschwindet. Dafür muss jedoch noch genügend Gewebe vorhanden sein, das wieder regenerieren kann, was bei Diabetes Typ 1 meist nicht der Fall ist. Daher wird bei dieser Theorie großen Wert auf die rechtzeitige Heilung der Barrierefunktion der Darmschleimhaut gelegt.

Die Definition, wann ein Darm krankhaft löchrig ist, ist gar nicht so einfach (Quigley, 2016). Bei einem Luftballon reicht das kleinste Loch, dass wir mit einer Nadel hineinstechen aus und es ist klar, dass er defekt ist. Beim Darm sind die kleinen Löcher Teil der Funktion. Zu viele oder zu große Löcher sind hier wohl das Problem, und in der Diagnostik muss man Parameter finden, wann viel eben zu viel ist. Dafür gibt es folgende Marker-Moleküle:

Zonulin im Serum: Zonulin wird im Darmepithel hergestellt und reguliert den Austausch von Flüssigkeit, Makromolekülen und Leukozyten zwischen dem Blutstrom und dem Darmlumen. Bei Zöliakie- und Typ-1 Diabetikern kann ein Anstieg dieses Proteins im Serum eine akute Erkrankung anzeigen oder dieser sogar vorausgehen.

Calprotectin im Stuhl: Die Calprotectin-Konzentration im Stuhl korreliert mit der Anzahl der Granulozyten im Darmlumen. Calprotectin ist daher ein Marker für eine Entzündung der Darmschleimhaut, sowohl durch Infektionen (Enteritis, Colitis) als auch durch chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa). Auch bei Neoplasien des Darms und Mukoviszidose ist der Wert erhöht.

sIgA im Stuhl: Die Bildung von sekretorischen Immunglobulinen wird durch TH3-Zellen gesteuert, die eine Rolle bei der Aufrechterhaltung der oralen Toleranz gegen Nahrungsmittel spielen. Sie geben einen Überblick bezogen auf die Funktion des darmassoziierten Immunssystems.

Alpha-1-Antitrypsin im Stuhl: Ein Proteaseinhibitor, der hauptsächlich in der Leber und in geringem Umfang in der Darmschleimhaut gebildet wird. Er zeigt enteralen Eiweißverlust bei Darmentzündung an. Bei einer Entzündung im Körper steigt die Konzentration von Alpha-1-Antitrypsin an.

LPS (Hüllproteine von Gram-negativen Bakterien) im Serum: Hüllproteine von Bakterien im Blut können relativ sensitiv gemessen werden und sind ein Zeichen, dass sich Bakterien im Blut befinden. Dies kann durch alle Arten von bakteriellen Infektionen vorkommen.

Keiner dieser Parameter alleine ist ein eindeutiger Beweis für einen Leaky Gut. Es kommt auf den Kontext an. Alle weisen jedoch indirekt auf Vorgänge im Darm hin, in deren Zusammenhang die Darmbarriere geschädigt sein kann. Ferner können die Grenzwerte natürlich je nach persönlicher Veranlagung unterschiedlich sein. Auch wenn die Laborwerte auf den ersten Blick suggerieren, dass alles ok ist, kann man einen krankhaften Leaky Gut nie zu 100% auszuschließen. Um sicherzustellen, dass trotzdem korrekt diagnostiziert wird, sollte man sich daher nicht nur auf die reinen Labortests verlassen, sondern man muss auch andere Dinge betrachten (z.B. Familiensituation, Reaktion auf Nahrungsmittel, Verdauungsprobleme etc.). Sollten verschiedene Parameter zusammen auffällig sein, ist es aber auf jeden Fall sinnvoll, Schritte einzuleiten, die eine Regeneration der Darmbarriere unterstützen, da sich einmal zerstörtes Gewebe bei einer Autoimmunkrankheit sehr schlecht regeneriert. Die Diagnose und Therapie gehören daher auf jeden Fall in die Hände erfahrener Therapeuten, um auch den Verlauf einer Therapie zu kontrollieren.

Autor: Jens
Bildquelle: © unlim3d – Fotolia.com

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