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50 shades of Paleo


Ich lese derzeit viel in verschiedenen Paleogruppen, u.a. auch auf facebook. Was mich dabei immer wieder verwundert, sind Fragen wie: Sind Erdbeeren Paleo konform? So, als ob man die Freigabe der Paleo-Polizei braucht, um etwas zu essen. Warum unterwerfen sich so viele Leute freiwillig einem selbstgewählten Diktat?

Wie ich selbst ja schon in einem unserer Blogs beschrieben habe, ist es heute gar nicht möglich zu sagen, wie die Ernährung zur Zeit der Steinzeit überhaupt aussah. Es gibt da nur indirekte Hinweise, weil im Gegensatz zu den Menschen aus dieser Zeit deren Nahrung kaum Spuren hinterlassen hat. In vielen Köpfen hält sich hartnäckig das Gerücht, das Paleo gleichzusetzen ist mit permanentem Fleischverzehr. Das spricht dann besonders die Wochenend-Griller auf dem Balkon an. Auch wird Paleo oft mit Low-Carb gleichgesetzt. Liegt das an der romantischen Verklärung, daß die Eiszeitjäger tagaus tagein Mammuts gejagt und vertilgt haben? Wer isst heute Elefanten? Die sind so viel Mammut wie wir Steinzeitjäger.

„Den“ Steinzeitjäger gab es nie. Steinzeit als Epoche vor dem Ackerbau umfasst einen riesigen Zeitraum. Die Lebensverhältnisse innerhalb dieses Zeitraums unterschieden sich von Landstrich zu Landstrich extrem. Der Entwicklungsprozess der Urmenschen hat sich sogar stark unterschieden. Da gab es keine Paleo-konforme Ernährung, da wurde vertilgt, was essbar und verfügbar war.

Sind Erdbeeren nun Paleo? Es gab vor dem Ackerbau bestimmt nicht die Erdbeeren, die es heute gibt. Es gab aber auch nicht die Gräser, die Obstsorten und auch nicht die Zuchttierarten, die es heute gibt. Bei Paleo geht es nicht darum, was man isst. Es geht darum, in welchem Zustand es sich befindet und wie es erzeugt wurde. Auch die roten Erdbeeren gibt es in 50 Graustufen: künstlich gedüngt, natürlich gedüngt, Hybridsorten, Wilderdbeeren, in Spanien geerntet und über 1000 km nach Deutschland transportiert oder beim lokalen Bauern erzeugt, auf Substrat oder echtem Boden gewachsen, unter freiem Himmel oder unter Glas im Gewächshaus. Und wie mit den Erdbeeren geht es wohl mit jedem anderen Lebensmittel. Anstatt sich zu streiten, ob fermentierte Lebensmittel Paleo oder Primal sind, oder ob es eine rein vegetarische Paleo-Lebensweise gibt, sollte man sich eher Gedanken über die Produktionsweise eines Lebensmittels machen. Ein Ei ist nicht von sich aus Paleo oder nicht. Genaugenommen ist Paleo eine Idee, ein Kunstbegriff, eine Lebensweise. Für mich ist Fleisch dann Paleo, wenn es von einer Kuh stammt, die nicht im Stall stand, sondern auf der Weide. Für mich ist tatsächlich Milch Paleo, wenn Sie ohne Gentechnik produziert wurde und von einer Kuh stammt, die auf der Wiese stand und frisches Gras gefressen hat. Ich jage meine Kuh nicht selbst, ich kaufe meine Milch im Geschäft. Trotzdem ist das mein Paleo. Ich vermeide Spargel aus Griechenland, weil er hier lokal beim Bauern geerntet wird. Ich habe nichts gegen Griechenland und im Urlaub würde ich in Griechenland nie deutsches Bier trinken, sondern den lokalen Rotwein. Nein: In der Steinzeit gab es kein deutsches Bier (auch wenn das Reinheitsgebot schon sehr alt ist). Das ist mein Paleo.

Und ich brauche da von keinem eine Freigabe für das, was ich esse. Lokal und saisonal von guter Qualität kaufen ist da oft schon die Lösung. Und die Vermeidung von Massenware ist grenzwertig perfekt. Dann sind auch Erdbeeren Paleo, auch wenn nie ein Neandertaler eine gegessen hat.

Autor: Jens
Bildquelle: © Ruslan Solntsev - fotolia.com

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