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Säure-Base Teil 3: Hilft eine basische Ernährung gegen Krankheiten?

Wie in Teil 1 meiner Säure-Base Trilogie beschrieben, findet die pH-Regulation des Blutes im Wesentlichen über Puffersysteme im Blut statt, wobei volatile (flüchtige) Säuren in Form von Kohlendioxid über die Lunge abgegeben und lösliche Säuren über die Niere ausgeschieden werden. Ein besonderes Augenmerk hinsichtlich krankhafter Veränderungen sollte man also auf die Organe richten, die am meisten mit der Entsorgung von Säuren zu tun haben, die Lunge und die Nieren.
In Teil 2 der Trilogie beantworte ich die Frage, ob es Sinn macht, sich basisch zu ernähren. Ich zeige in dem Artikel, dass die wichtigste Ernährungsempfehlung eine ausgewogene, naturbelassene Ernährung ist. So eine Ernährungsweise ist dann meist auch Base-betont. In der Alternativ-Medizin wird eine saure Ernährungsweise so ziemlich für alle Krankheiten verantwortlich gemacht, die es gibt. Dies reicht von Gicht, Rheuma über Herzerkrankungen bis hin zu Krebs. Es stellt sich nun die Frage, ob eine basische Ernährung vorbeugend oder unterstützend gegen Krankheiten hilft, oder umgekehrt eine Säure-betonte Ernährung für Krankheiten verantwortlich sein kann.
Als Mittel, um ein Säure-Base Ungleichgewicht als Ursache für Krankheiten zu diagnostizieren, dient oft die pH-Messung des Urins. Ist der Urin sauer, so die Schlussfolgerung, liegt eine Übersäuerung des Körpers vor. Ein saurer pH-Wert des Urins ist jedoch nicht zwangsläufig ein Anzeichen einer Übersäuerung des Blutes, sondern eher ein Zeichen einer funktionierenden Regulation über die Puffersysteme mit der Konsequenz, dass die Säuren ausgeschieden werden und eben nicht mehr im Blut zu finden sind.
Es gibt viele Belege dafür, dass eine falsche Ernährung zu Nierensteinen führt. Nierensteine können aus ganz unterschiedlichen Substanzen bestehen, z.B. aus Kalziumoxalat, was der häufigste Typ ist. Tritt diese Art Nierensteine auf, wird oft die Empfehlung gegeben, saure Nahrungsmittel zu vermeiden. Auch die Reduktion der Aufnahme von Kochsalz und die Erhöhung der Zufuhr von Kalium- und Magnesiumzitrat werden hier oft empfohlen. Dann gibt es Nierensteine aus Harnstoffkristallen, die besonders auftreten, wenn der Harn nicht sauer genug ist. Hier wird die Aufnahme von z.B. natürlichem Zitronensaft empfohlen, der zwar sauer ist, im Körper aber beim Stoffwechsel wegen der enthaltenen Mineralstoffe basisch wirkt. Auch die Reduktion von Protein und Zucker werden empfohlen. Kalziumphosphat-Steine können immer wieder einmal auftreten, kommen jedoch gehäuft bei Schwangeren vor, wobei hier der Urin nicht sauer genug ist. Cystine-Steine finden sich öfters bei Kindern und treten oft auf, wenn der Urin zu sauer ist.
Tendenziell ist der pH-Wert des Urins alkalischer, wenn die Nahrung einen höheren Frucht- und Gemüseanteil hat, und saurer, wenn der Fleischkonsum höher ist (Welch et al., 2008; Scialla und Anderson, 2013). Der pH-Wert des Urins ist also abhängig vom Typ der konsumierten Nahrung. Anhand des pH-Wertes des Urins kann man aber wie gezeigt nicht das Risiko für Nierensteine ablesen. Ob der PRAL-Wert (Säure-Base-Gehalt, Remer and Manz, 1995) der Nahrung auch ursächlich für Nierensteine ist, ist bisher nicht geklärt. Das erhöhte Vorkommen von Nierensteinen bei Übergewichtigen (Najeeb et al., 2013) weist auf andere Ursachen hin. Eine Insulinresistenz scheint das Ausscheidungsvermögen der Niere negativ zu beeinflussen (Kabeya et al, 2011). Auch der erhöhte Verzehr von Fruktose (kommt auch in basischen Früchten vor) kann ursächlich mit der Entstehung von Oxalat-Nierensteinen zusammenhängen (Knight et al., 2010). Damit kann ein hoher Kohlenhydratverzehr für Nierensteine eher verantwortlich sein, als z.B. ein hoher (saurer) Fleischkonsum. Die Kohlenhydrate zu reduzieren kann hier also sinnvoller sein, als Fleisch zu reduzieren. Eine weitere einfach zu befolgende Empfehlung zur Reduktion des Risikos für Nierensteine ist eine angepasste Trinkmenge, die bei Erwachsenen bei ca. 2,5 Litern pro Tag liegt. Viel weniger (aber auch viel mehr) scheint für das Ionengleichgewicht ungünstig zu sein und Nierensteine zu begünstigen, völlig unabhängig von den Base-Säure-Werten der Ernährung.
Das Ausscheidungsorgan für flüchtige Säuren ist die Lunge. Das Lungenkondensat von Asthma-Patienten zeigt niedrigere pH-Werte und höhere Nitrit- und Nitratwerte als bei gesunden Testpersonen. Die Nitrit-und Nitratwerte stammen wohl vom Stickoxid, welches eosinophile Immunzellen freisetzt und oft bei Asthma vorkommt. (Tomasiak-Lozowska etal., 2012; Raimondi et al., 2013). Es ist bisher nicht geklärt, ob das saure Kondensat der Lunge von Asthmatikern eine Konsequenz oder eine Ursache von Asthma ist. Es ist jedoch interessant, dass der organische Säureanteil von basischen Früchten über die Lunge abgegeben wird und dort auch die Epithelzellen beeinflussen kann. Auch was die Lunge betrifft, gibt es keine klaren Belege dafür, dass das Säure-Base Gleichgewicht eine Rolle spielt.
Basierend auf Studien Mitte des letzten Jahrhunderts vermutete man lange, dass eine saure Ernährung dazu führt, dass neutralisierende Substanzen aus den Knochen herausgelöst werden, was langfristig zur Osteoporose führt. Dies hat sich mittlerweile jedoch als Fehler herausgestellt (Bonjour, 2013). Die Geschichte ist nämlich nicht so einfach wie man auf den ersten Blick denkt. So zeigte die Framingham-Studie, dass eine höhere Proteinzufuhr (also auch „saures“ Fleisch) das Risiko von Hüftfrakturen senken kann (Tucker et al., 2001 ; Sahni et al., 2010). Denn der Körper hat viele Möglichkeiten die Wirkung von säureproduzierenden Substanzen zu kompensieren.
Ein niedriger pH-Wert findet sich lokal z.B. in Entzündungsherden und auch Tumore haben einen pH-Wert, der unterhalb des normalen Blut-pH-Werts liegt. Dies scheint lokal die Immunfunktion negativ zu beeinflussen, da bestimmte Immunzellen sensitiv auf diese pH-Werte reagieren (Lardner, 2001). Eine betont saure Ernährung scheint auch das Risiko für Herzkrankheiten zu erhöhen, wobei aber auch hier oft eine Insulinresistenz zu beobachten ist (Souto et al., 2011), die genauso gut als Erklärung dienen könnte. Wie bei den Nierensteinen, sind hier die Ursachen für gesundheitliche Probleme nicht einfach mit einem möglichen Grund zu erklären, sondern es liegen verschiedene Erklärungsmöglichkeiten vor.
Fazit: Personen die sich „basenreich“ ernähren, scheinen gesünder zu leben, als Personen, die dies nicht tun. Ob dies nun tatsächlich daran liegt, weil die Lebensmittel, die sie verzehren, einen Einfluss auf das Säure-Base Puffersystem des Blutes haben, oder ob es sich um andere positive Effekte der „zufällig“ basischen Lebensmittel handelt, ist wissenschaftlich zu klären. Es ist durchaus möglich, dass die Effekte auf einer Reduktion der Insulinresistenz beruhen, weil viele basische Lebensmittel wie Gemüse wenig schnell verwertbare Kohlenhydrate enthalten, oder z.B. weil mehr Mikronährstoffe aufgenommen werden. Aber wenn es hilft, gesund zu bleiben, wenn man bevorzugt „basische“ Lebensmittel konsumiert, muss man den Grund ja nicht unbedingt verstehen.

Autor: Jens
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